Die Celler Schule

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Dass ich ein privilegierter, weißer Mann bin, der in einer für Männer geschaffenen Welt lebt, wird mir seit ein paar Jahren immer klarer. Dass ich auch noch das Privileg bekommen habe, als Künstler meine Brötchen verdienen zu dürfen und meine Sicht auf die Welt mit vielen anderen Menschen teilen kann, ist schon fast surreal. Doch welches Privileg mir die letzten zwei Wochen in der Celler Schule zuteil wurde, überschreitet eigentlich alle Grenzen der Gerechtigkeit. Vierzehn Tage am Stück zusammen mit Menschen, welche alle die selbe Leidenschaft teilen, mit Menschen, welche so liebe Seelen haben und so viel Talent miteinander teilen, mit Menschen, die schon alles erreicht haben und ihr Wissen weitergeben und helfen, mit Menschen, die es einfach gut meinen. Vierzehn Tage Vollpension in einem ruhigen Tagungszentrum am Waldrand in der Nähe von Nirgendwo. Vierzehn Tage Selbsterfahrung, Weiterbildung, Lernen, Lachen, Feiern. Es fühlt sich absolut surreal an, in dieser Welt gewesen zu sein und nun wieder in der „echten“ Welt klar zu kommen. Danke an alle Beteiligten für diese Flut an Geschenken. Ich habe soviel bekommen, was ich gerne zurückgeben möchte, sei es durch meine Musik oder mein Engagement. Danke Celler Gang 2022

Doch erstmal zum Anfang:
Die Celler Schule ist eine Art Masterclass für Menschen, welche gerne auf Deutsch texten. Jedes Jahr werden zehn Menschen aus den Bewerbungen ausgewählt und gefördert, gefordert und geformt, sofern sie das möchten. Finanziert wird das ganze zu großen Teilen von der GEMA-Stiftung und dem „Freundeskreis der Celler Schule“, dem ich seit Sonntag auch angehören darf. Täglich gibt es zwei bis drei Unterrichtseinheiten sowohl über das Handwerk des Textdichtens, als auch über die zusätzlichen Tätigkeitsfelder im Berufsbild „Textdichter:in“. Jeden Abend wird Flaschendrehen gespielt und man spielt sich gegenseitig eigene Lieder oder ließt eigene Texte vor. In regelmäßigen Abständen kommen sehr interessante Menschen aus der Branche zu Gast und erzählen. So durfte ich unter anderem den Held meiner Kindheit, Rolf Zuckowski, den Texter von Herrman van Veen und Rudi Carrel, Thomas Woitkewitsch, den Mann hinter den Ballermann Hits, Mike Röttgens und die beiden Wortakrobat:innen Anna Depenbusch und Sebastian Krämer kennenlernen. Die wahren Cracks sind allerdings unsere Seminarleiter:innen gewesen. Edith Jeske, Tobias Reitz und Rainer Bielfeld. Und so waren wir zehn „Schüler:innen“ intellektuell wie emotional bestens versorgt.

Doch die zehn Schüler:innen waren für mich eine mindestens ebenso große Bereicherung. Falls ihr irgendwann mal folgende Namen auf Konzertankündigungen seht, geht bitte hin:
Andy Guder
Zweii
Daniel Abozen
Lucy van Kuhl
Hilla
Diane Weigmann
Oimara
Farjus
Laura Liebeskind

Die Mucke ist zum Teil zwar grund-unterschiedlich zu meiner, aber die Menschen dahinter sind großartig und stecken soviel Herzblut in alles. Ich habe erst in diesen zwei Wochen begriffen, dass auch Schlager oder Pop nicht einfach so vom Himmel fallen, sondern als Musik durchaus ihre Berechtigung haben. Auch wenn ich damit nicht immer etwas anzufangen weiß, gibt es doch viele Menschen, denen diese Musik Geschenke macht und weiterhilft. Und wenn ich die Vorurteile weglasse, erkenne ich oft auch die tieferen Dinge in den Liedern. Ich war außerdem echt begeistert, wieviele Menschen aus unserer Gang ebenso gesellschaftskritische Themen in ihren Liedern aufgreifen. Die Welt ist doch noch nicht verloren.

Wie gehts jetzt weiter?
Ja gute Frage. Fünf Tage nach unserer Verabschiedung bin ich immer noch nicht so richtig in der Extra-Cellestischen Welt angekommen. Ich habe zum einen Sehnsucht nach den tollen Menschen, zum anderen stellt sich mir die große Frage, wie ich mit all dem neuen Input jetzt weitermache. Vor Corona habe ich 80 Prozent meiner Zeit in die Musik gesteckt und war richtig im Flow. Da während Corona der Flow nicht mehr fließen konnte, hab ich mich sehr in den Klima-Aktivismus und das außerparlamentarische, politische Engagement verliebt und versucht, dort neue Hebel zu finden, um meinen Beitrag zum #systemchange zu leisten. Mittlerweile verstehe ich besser, dass ein Lied/Konzert von mir auch etwas Aktivistisches sein kann. Und in der Celler Schule habe ich gemerkt, dass ich nicht nur auf mein Publikum, sondern auch auf meine Kolleg:innen wirken kann. (Vielleicht gibts ja bald nen Klima- Schlager.) Mit all dem Wissen, was ich neu erfahren habe, fühlen sich viele Texte von mir aktuell so an, als ob die nochmal neu geschrieben werden müssten. Außerdem habe ich den großen Drang, tatsächlich neue Leider zu schreiben und all das auszuprobieren, was ich lernen durfte. Das heißt auch, dass mein zweites Album noch etwas Zeit braucht, denn ich will nur Lieder veröffentlichen, hinter denen ich zum Zeitpunkt der VÖ auch hundertprozentig stehe. Ich fühl mich gerade ein wenig so, wie ein Kranführer mit zu vielen Hebeln vor sich. Der Kran kann sich frei bewegen und ich muss mich entscheiden, an welcher Stelle ich weiterbauen möchte. Am Rathaus, am Klimabüro, am Rübezahl Festival, am Album oder an der Konzerthalle. Mir ist klar geworden, dass es für all diese Dinge intensive und fokussierte Zeit braucht, um sie zufriedenstellend und nachhaltig umzusetzen. Aktuell schwenkt der Kran stark zum Album und der Konzerthalle. Welch ein krasses Privileg, in diesem Führerhaus zu sitzen. Danke dafür. Ihr habt alle was gut bei mir.
Euer Erik

erikstenzel

Politischer Liedermacher aus Nürnberg

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