Das Anthropozän

Das Anthropozän

Die Erde ist etwa 4,7 Milliarden Jahre alt. Wenn man sich die Erdgeschichte als 24 stündigen Spielfilm vorstellen würde, würde der Mensch in den letzten vier Sekunden seinen Auftritt haben. Die Wissenschaftler dieser Welt teilen diesen Film gerne in Abschnitte ein und bennen sie, damit man sich besser zurecht findet beim Vor- und ´Zurückspulen. Der erste Teil heißt Hadaikum und ist eher langweilig, auch der folgende Teil mit dem Namen Arachikum zieht sich ganz schön. Eigentlich wird es erst zum Ende des Films langsam spannend, zumindest für uns als Landlebewesen. Ganz zum Schluss, kaum noch wirklich erkennbar, also bloß nicht Blinzeln, passiert so richtig was. Da gibt’s Feuerwerke und Paraden zu sehen, und die Natur mit ihrer gesamten Flora und Fauna sehen sich einer neuen Kraft ausgesetzt. Diese Sequenz ist so schnell vorbei, dass man nur inUltra-Zeitlupe und mit ein wenig Speed in der Nase überhaupt etwas erkennen kann. Diesen letzten, so handlungs-intensiven Abschnitt des Films, nennen die Wissenschaftler Anthropozän. Wir können uns geehrt fühlen. Wir als Mensch (griechisch Anthropos) sind so erfolgreich und haben es so weit gebraucht, dass wir zu der bestimmenden Kraft dieses Planeten geworden sind und somit sogar ein Erdzeitalter nach uns benannt wird. Wir haben all die Protagonisten der vorherigen Szenen in den Schatten gestellt und gezähmt, manche sogar entsorgt, aber psst, wir wollen uns doch nicht die Laune verderben, besonders nicht bei diesem Triumph. Vielleicht ist diese allerletzte Szene sogar so gelungen, so Action geladen und cool, dass wir für den intergalaktischen Oscar nominiert werden? Zugegebener Maßen ist der Spannungsbogen recht kurz und die Story eigentlich schnell erzählt, so dass wir es wahrscheinlich schwer haben werden, den Preis zu gewinnen. In der intergalaktischen Fernsehzeitung würde über unseren Film wohl stehen: „Eine beruhigende Geschichte vom Wandel der Moleküle, mal gedeihlich und mal zerstörerisch, doch stets spannend und faszinierend. Zum Schluss wirkt alles sehr hektisch und unlogisch. Es geht um einen Parasiten, der sich in kürzester Zeit selbst vernichtet. Da fehlt der Buzug zum Rest des Filmes. 7 von 10 Punkten.“ So den Oscar zu gewinnen wird schwer. Wir müssen also noch ein wenig an unserem Drehbuch feilen und uns für die nächste Szene eine neue, veränderte Handlung einfallen lassen, die besser zu den übrigen 23h 59min und 56sec passt. Also lass uns doch mal überlegen, was wir bis jetzt so haben. Da gibt’s also diesen Menschen, der wohl von einem Affen abstammt. Er ist also ein Tier mit natürlichen Trieben und Instinkten, doch einem ungewöhnlich großem Hirn, was ihm erlaubt zu lernen und Wissen zu sammeln. Es dauert nicht lange, da ist dieser Mensch als Zoon Politikon ein echter Gruppentyp geworden, der versucht gemeinsam mit seinen Homies gegen die Wiedrigkeiten der Natur zu bestehen und die Sicherheitslage für seine Crew stets zu erhöhen. Lange Zeit dümpelt er so umher, vermehrt sich und wandert durch die Hood, bis er plötzlich über all auf Welt sein Zelt aufgeschlagen hat. Damit seine Urtriebe und Instinkte nicht dem Gemeinwohl schaden, erfindet er ganz hervorragende Dinge, wie Religionen, Gesetze und Moral, er tut sich zusammen in so genannten Staaten und entwickelt Kultur. Leider kommen die Urtriebe noch ziemlich oft durch, so dass es immer wieder zu Gang-Fights und üblem Rumgepose kommt. Einige dieser Menschen sind so schlau, dass sie die unvorstellbarsten Dinge erfinden, wie zum Beispiel das Rad, den Buchdruck oder die Nutzung von elekrischem Strom. Alle sind völlig aus dem Häuschen und die Leute verändern sich im rasenden Tempo. Denn es gibt einen Urtrieb, der den Menschen nie ausruhen lässt, nie zufrieden sein lässt, die „Gier nach mehr“. Jede Grenze wird überwunden und so steht der Mensch am Ende dieses Films als Alleinherrscher über alle Lebewesen und über jeden Millimeter Erdoberfläche da. So weit so gut. Doch hat dieses Schlussbild nichts mehr mit dem eigentlichen Film zu tun. Der Mensch hat vergessen, die Natur , die Flora und die Fauna, die Atmosphäre, Hydrosphäre und Geoshäre mit auf das Film-Set einzuladen. Er wollte wohl ziemlich egoistisch die Hauptrolle und alle Nebenrollen unter sich verteilen. Ein schwerwiegender Fehler. Denn dieser Film wird ausschließich von der Natur finanziert und kann nur gelingen, wenn sich alle an deren Gesetze halten. So droht, dass die Geschichte des Menschen zu einer kleinen, flüchtigen Szene ohne inhaltliche Bedeutung für die Erde wird. Fast wie ein kurzer Sprung im Film, wenn die Film-Rolle kurz hängen bleibt. Es wird zum Schluss keinen mehr interessieren, was denn im Anthropozän so abgegangen ist. Es wird überhaupt nicht wahrgenommen werden. Und die intergalaktische Jury wird sich vielleicht mal die deutlich längere Szene mit den Dinosauriern anschauen und sich denken: „Die haben aber lang überlebt und sind ja quasi durch Fremdverschulden des doofen Meteoriten ausgelöscht worden. Das müssen echt kluge Lebewesen gewesen sein. Vielleicht engagieren wir die für unsere neue Staffel von „Leben in Zeiten des Universums“. Das können wir nicht riskieren, das schaffen wir doch wohl zu toppen. Wir sind immerhin das mit Abstand intelligenteste Lebewesen in diesem Film. Was muss also passieren, dass wir in der nächsten Sekunde des Films auch noch mitspielen dürfen? Wie können wir vielleicht sogar eine ganze Minute mit unserer Geschichte füllen?

Erstens müssen wir mal klar stellen, wer hier der Boss ist. Wir probieren zwar ständig uns aufzumucken, aber der Boss ist ganz klar die Erde mit ihrer Gang aus natürlichen Gesetzen. Also lassen wir die Putschversuche und halten uns verdammt noch mal an die Regeln vom Boss, sonst gibt’s Ärger. Der Boss ist ja auch ein super tolleranter Kerl, und lässt uns unsere eigenen Erfahrungen machen. So haben wir zum Beispiel beim Wühlen im Boden so altes Holz und tote Tiere gefunden und die gleich mal ausgebuddelt und angezündet. Klar ist das schön warm und gemütlich, aber jetzt dürfen wir uns nicht beschweren, dass wir den Ofen nicht mehr auskriegen und es uns zu warm wird. Hätten wir das Zeug vom Boss nicht angefasst, wäre uns auch nichts passiert. Grenzen sind Grenzen.
Zweitens müssen wir uns mal Bewusst machen, wer uns das Happy-Meal und das Seidla Bier denn eigentlich zur Verfügung stellt. Der Boss macht das. Seine Gang lässt mit geschickten Tricks Tiere und Pflanzen gedeihen, die wir futtern können. Doch das auch nicht unbegrenzt, sondern in Maßen. Also sollten wir den Boss auf keinen Fall stressen oder anpissen, weil er dann weniger Zeug wachsen lässt. Und eine Filmcrew von fast 8 Milliarden Schauspielern braucht ein großes Catering.

Drittens sollten wir erstmal das Verhalten vom Boss verstehen und vielleicht mal vorher anfragen, bevor wir in seinem Garten alles umgraben und plattwalzen. Der Boss hatte 4,7 Milliarden Jahre Zeit sich ein ausgeklügeltes System der Bewässerung, der Bepflanzung und Belüftung einfallen zulassen. Einfach alles hat System. Wir verstehen nach vier Sekunden aber noch nicht alles, ist ja auch völlig logisch. Da ist es ziemlich unklug, wenn wir einfach mal eingreifen und dann erwarten, dass alles unverändert weiter geht.
Wenn wir also den Boss selbst und seine Gang wieder mehr in dem Film mitspielen lassen, dann haben wir auch gute Chancen, dass er das Projekt weiter finanziert und wir weiter Teil der Story sein dürfen. Wir müssen also ein wenig auf unsere Hauptrolle verzichten und uns erstmal wieder mit dem Sidekick begnügen. Wer weiß vielleicht entsteht ja irgandwann sogar eine Liebesszens zwischen dem Boss und uns, wo wir uns die Hauptrollen teilen können. Wenn wir ihn aber nicht mitspielen lassen, werden wir nur 4 Sekunden lang ein Sandkorn auf der Linse sein, unwichtig und klein. Der Film geht weiter, aber ohne uns. Dem Boss ist das egal. Momentan wäre er wahrscheinlich eh ganz froh, uns los zu haben. Es liegt an uns. Wird das Anthropozän der Abspann für die Menschheit oder der Cliffhanger für nen richtig guten Film. Ein Film vom Wandel der Moleküle und vom Wandel der Menschen.

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