Eine Frage der Perspektive

Eine Frage der Perspektive

Im Jahr 1968 hat es ein Mensch geschafft, auf dem Mond zu stehen und ein Foto vom Erdaufgang zu schießen. Der dort aufgehende Planet ist die Heimat von Millionen Arten von Lebewesen, welche allesamt ihren Ursprung vor ca. 4 Milliarden Jahren haben, als sich in den Meeren kleine wechselwirkende Bioreaktoren gebildet haben, welche nach und nach einen hauchdünnen Biofilm über die steinige Erdkruste gebildet haben. Und nun, 4 Milliarden Jahre später steht einer von einer dieser Millionen Spezies auf einem anderen Felsbrocken, und macht ein Foto von dem größeren bio-überzogenen Felsbrocken, den wir Erde nennen. Unfassbar. Bis heute verstehen nur wenige Prozentanteile der Menschheit, wie Teile dieses Biofilms funktionieren und wie er mit den Steinen unter ihm und dem Himmel über ihm wechselwirkt. 
Perspektivwechsel.    
Ich sitze gerade vorm Computer und tippe auf eine Tastatur, damit auf einem Bildschirm Zeichen erscheinen, die ich gerne mit anderen Menschen teilen möchte. Ich verbreite diese Zeichen in einer zweiten Welt, die physisch gar nicht wirklich existiert, oder besser gesagt nur aus Einsen und Nullen besteht. Für mich ist das absolut normal. Ich hab zwar keine Ahnung, wie diese digitale Welt funktioniert, aber das muss ich auch nicht, denn ich kann sie auch ohne dieses Wissen nutzen und ich hoffe einfach mal, dass alles darin schon einen guten Verlauf nehmen wird. So lange ich dort keine Probleme kriege, ist alles gut.
Perspektivwechsel.
Vom Mond aus gesehen sieht die Erde so wunderschön, so lebendig, so dynamisch aus. Von meinem Fenster aus sehe ich nur Hausfassaden, Schornsteine und parkende Autos. Die einzigen Zeichen anderer Lebewesen sind die Hundehaufen auf dem Gehweg und die Mückenstiche auf meiner Haut und natürlich das Essen auf meinem Teller. Ich fühle mich so weit entfernt von dem nicht-menschlichen Teil dieses Biofilms. Vielleicht ist dieses Gefühl auch mit der Grund, warum 2016 eine Arbeitsgruppe internationaler Wissenschaftler ein neues Erdzeitalter ausgerufen hat. Lebten wir seit ca 12.000 Jahren im Holozän, so leben wir seit Mitte der 1950 Jahre im Anthropozän, griechisch für die Epoche des Menschen. Durch die sogenannte „große Beschleunigung“ ab 1950 ist der Mensch zu einem entscheidenden Einflussfaktor auf die Systeme der Atmosphäre, Biosphäre und Geosphäre geworden. Doch weiterhin gilt, dass kaum jemand nur ansatzweise verseht, wie diese hoch komplexen Systeme eigentlich funktionieren. Die Existenz aller Lebewesen auf der Erde hängt vom Zustand des Biofilms ab, der die Erde überzieht. Dieser macht übrigens nur 0,0005 Prozent des Erddurchmessers aus. Sollten wir nicht erstmal sicher gehen, dass diesem dünnen Häutchen nichts passiert, bevor wir anfangen auf alles völlig planlos Einfluss zu nehmen? Ich sage ganz klar „ja“ und rufe gleich hinterher „ist aber schon fast zu spät“. 

Ich bin jeden Tag aufs Neue überrascht, wie wenig diese absolut existenzielle Frage in unserer Gesellschaft eine Rolle spielt, wie wenige Menschen überhaupt Bescheid wissen über die Gefahren eines mensch-gemachten Klimawandels, oder des mensch-gemachten Artensterbens.
Ich habe Geographie studiert und dadurch ein paar tiefere Einblicke in die Funktionsweise und Zusammenhänge der Erdsysteme bekommen, aber dennoch gibt es Monate, wo mir das Thema total entgleitet. Auch kann ich schlecht von der Menschheit verlangen, auch mal was mit Geo zu studieren oder sich irgendwelche Fach-Journals durchzulesen, aber ich kann verlangen, dass alle mal mehr ihr Hirn anstrengen sollen. Anfang dieses Jahres habe ich daher beschlossen, meine Karriere als Liedermacher mehr diesem Thema zu widmen, um meine Mitmenschen zu informieren, die Perspektive zu ändern und vor allem zum Nachdenken anzuregen. Dies möchte ich sowohl durch meine Lieder als auch durch diesen Blog hier bewerkstelligen, denn nur gemeinsam und auf individueller Ebene ist diese Welt noch zu retten. Vielleicht können wir ja ein kleines Stück dazu beitragen. Mir ist völlig bewusst, dass dieses Thema super unsexy und unbequem ist. Je mehr man weiß, desto größer werden die Sorgen, aber genau das sollten wir tun. Uns sorgen und handeln. Da kann Helene und Andreas noch so sehr heile Welt verkünden. Ich werde hier jeden Dienstag einen neuen Beitrag veröffentlichen und freue mich immer sehr über Feedback oder eure Meinung, die ihr gerne in den Kommentaren kundtun könnt.

Ich hoffe, ihr habt Lust auf eine neue Perspektive.
Liebe Grüße, euer Erik

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