Zeitskalen
Quelle: IPCC

Zeitskalen

Es ist Sommer. Für mich als Musiker sowas wie die Hauptsaison. Menschen heiraten, feiern Feste, gehen auf Festivals, schlendern durch die Fußgängerzonen und alle mögen sie es, wenn dazu live Musik gemacht wird. Ich war die letzten Wochen viel beschäftigt mit der Organisation eines kleinen Festivals, vielen Auftritten mit Strabande und den Vorbereitungen für mein Album und mein Crowdfunding Projekt. Und schwuppdiwupp hab ich mal locker für zwei Monate keinen Blog-Artikel mehr verfasst, keine aktuellen Geschehnisse verfolgt und das Thema der globalen Erwärmung war eher spürbar an den Schweißtropfen meiner Stirn als in meinem Kopf. So schnell kann es gehen. Daher möchte ich mich jetzt mal wieder selbst in die Pflicht nehmen und versuchen, die Thematik zeitlich einzuordnen. 
Auf dem Beitragsbild ist die sogenannte Hockey Stick Kurve aus einem früheren Bericht des IPCC dargestellt. Zusehen ist die Abweichung der Mitteltemperatur auf der nördlichen Erdhalbkugel des letzten Jahrtausends vom Referenzzeitraum 1961-1990. Es war also im letzten Jahrtausend ziemlich lange Zeit etwas kälter als im Referenzzeitraum und etwa ab 1950 steigt die Kurve fast stetig nach oben an. Das Ende in der Graphik ist das Jahr 2000. Wie es in den 19 Jahren danach weitergeht ist keine Überraschung. Die Kurve steigt weiter an. Die globale Mitteltemperatur hat sich Stand heute im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter um reichlich ein Grad erhöht. Daher hat die Kurve eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Hockey Schläger, dessen Schlagfläche allerdings von Jahr zu Jahr länger wird. Mittlerweile wäre es wahrscheinlich recht unpraktisch, damit zu spielen. Es ist der Menschheit also gelungen, innerhalb von reichlich 100 Jahren, die Temperatur auf dem Planeten sehr stark zu erhöhen. 
Die Erde ist etwa 4,7 Milliarden Jahre alt. Wenn man sich die Erdgeschichte als 24 stündigen Spielfilm vorstellen würde, würde der Mensch in den letzten vier Sekunden seinen Auftritt haben. Und die Phase der industriellen Revolution, oder auch die Ära der Moderne, oder auch das Anthropozän, in dem wir uns befinden, würde in den letzten paar Millisekunden auftauchen. Man könnte es nur bei extremer Zeitlupe noch wahrnehmen. Was aber in diesen letzen Millisekunden passiert, hat ganz enormen Einfluss auf viele Stunden des zuvor gesehenen Films, nicht zuletzt auf die letzten vier Sekunden. In dem gesamten Film ist es noch nie zu einer derartig, schnellen und gravierenden Änderung der Handlung gekommen, wie in den letzten Millisekunden.
Diese letzten Entwicklungen ändern die gesamte Story, den gesamten Film. 
Wer sich diese letzten Millisekunden mal genauer anschauen möchte, dem sei die Arte-Doku „Die Erdzerstörer“ wärmstens empfohlen. Nehmt euch die Zeit. Es gibt viel Interessantes zu erfahren.

https://www.arte.tv/de/videos/073938-000-A/die-erdzerstoerer/

Was ich und wir alle uns klar machen müssen, ist die Veränderung der Zeitskalen, in denen wir handeln können und müssen. Wir können keine weiteren 1000 Jahre warten, um uns dann die Hockey Stick Kurve dieses Jahrtausends anzuschauen, die wäre dann wahrscheinlich ein Speer. Wir können auch keine weiteren 100 Jahre warten, um zu sehen, wie die Natur auf uns Menschen reagiert, denn wir Menschen haben die Natur schon seit langem besiegt und es ist eher unwahrscheinlich, dass der besiegte, zerstörte Kontrahent auf einmal vom Boden wieder aufsteht und wieder bei vollen Kräften ist. Wir können auch keine 10 Jahre mehr warten und die Sache den Experten überlassen, so wie es Herr Lindner von der FDP vorschlägt oder auf die Energiewende, grünes Wachstum und weiteren technologischen Fortschritt hoffen. 
Wir müssen jetzt sofort anfangen, unser Leben zu ändern und an die Gebote der Natur anzupassen. Das dauert und ist nicht bequem, aber es ist die einzige Möglichkeit, die Erde vor uns selbst zu retten. Und somit auch uns selbst.
Es gibt keine Ausreden, keine Alternativen und keine Wunder. Wir müssen einfach mal langsamer machen, weniger konsumieren, weniger fordern, weniger arbeiten, mehr nachdenken. Mehr dazu im nächsten Beitrag.
Danke für eure Aufmerksamkeit. Euer besorgter Erik.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Lieber Erik,

    du sprichst mir aus der Seele, danke für deinen reflektierten Beitrag.
    Es gibt ja auch viele, die jetzt sagen würden, dass auf derart langen Zeitskalen schonmal viel mehr CO2 in der Luft war. Richtig, wir entwickelten uns in einem klimatisch extrem günsigen Zeitraum.
    Um Slavoj Žižek im groben Wortlauf zu zitieren (Auftritt in Amsterdam vor einigen Monaten): alle redeten vom Gleichgewicht mit Mutter Natur, „but mother Earth has been a motherfucking bitch“. In der Tat war der Atmosphärendruck vor langer Zeit 10mal höher, hauptsächlich CO2. Das hat sich dann sogar recht schnell in Gestein, Meer, und Erde eingelagert. Dennoch waren die klimatischen Bedingungen nicht gerade super für uns Menschen bis zur Warmzeit in der wir uns entwickelten.
    Es gibt aber doch einen fundamentalen natürlichen Mechanismus, den wir in dieser Millisekunde von der du redest aushebeln konnten. Damals folgte die CO2 Konzentration zum Beispiel astronomischen Einflüssen, also langzeitveränderlicher Temperatur. Heute folgt die globale Temperatur dem CO2, welches wir fröhlich zu Tage führen und verbrennen. Natürlich nicht in dem Maße, wie es damals vorhanden war, aber so, dass wir saftig an der Artenvielfalt spielen. Auch an unserer eigenen Art.
    Danke, Erik, dass du die Zeitskalen anspricht. Das ist für mich das Schockierendste. Natürlich ist das Anthropozän nur ein Tropfen auf den heißen Stein der Zeit. Und unsere Zeit auf der Erde ist auf Grund astronomischer Einflüsse nicht unendlich. Wenn wir uns aber ansehen auf welchen kurzen Zeitskalen wir Menschen uns entwickelt haben, ist das dennoch für unsere subjektiven Maßstäbe eine ordentliche Zeit, die wir bereits auf der Erde verbringen. Nun schaffen wir es aktuell in noch viel kürzerer Zeit uns unserer eigenen Lebensgrundlage zu entledigen.
    Es ist unser logarithmisches Denken, welches mir große Sorge bereitet.
    Auf dem Papier ist es leicht linear zu extrapolieren, was unsere Aussichten sind. Wissenschaft ist ein tolles tool. Mit ihrer Hilfe sind wir in der Lage unsere EInflüsse nicht nur zu verstehen, sondern auch Langzeitfolgen abzuschätzen.
    Dennoch sind wir wie gelähmt. Solange dieses Bundesland nichts tut, tun wir auch nichts, etc.
    Ein Herr Lindner möchte es gerne dem Markt überlassen und ist gegen planwirtschaftliche Ideen. Haben wir die Grenze aber vielleicht schon dermaßen überschritten, dass aktuell dramatische Zustände dramatische Mittel brauchen um diese einzudämmen? Operiert der Liberalismus vielleicht auf Zeitskalen, die out of date sind? Alle reden von Inflationsausgleich . Sollte man auch in der Politik einen Inflationsausgleich einführen, um der zunehmend nötigen Seriösität Herr/Frau zu werden?
    Wir sehen uns nicht als globale Spezies, obwohl wir uns als solche verstehen wollen. Unsere Heimat ist nicht länger Bayern oder sonst wo, es ist die Erde. Auch die, die ihren Fußabdruck so gering wie möglich halten beeinflussen die ganze Erde. Sind wir nicht geschaffen für den rapiden Wandel und vielleicht sogar runaway Prozess, den wir zu verantworten haben..?
    Und dennoch haben wir vermeintlich Unmögliches geschafft. Wir „fotografieren“ schwarze Löcher, wir verstehen wie die Erde entstand.
    Lasst uns doch unserer Heimat beweisen, dass wir es drauf haben!

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